Kommentar: Reden ist Pflicht

Immer wieder wird versucht die Schweigepflicht der Ärzte aufzuweichen, sei es nach dem Germanwings-Absturz 2015 oder der im Sommer geführten Debatte im Rahmen des Kampfes gegen den Terror. Die Ärzteschaft stellt sich bei diesen Diskussionen immer wieder erfolgreich schützend vor die Patienten und hat erreicht, dass die Politik die Schweigepflicht als Voraussetzungen für das unerlässliche Vertrauensverhältnis zwischen Patienten und  Ärzten nicht einschränkt.

Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass dort, wo Ärzte sich gemeinsam für ein Ziel einsetzten, auch vieles erreicht werden kann. Aus dieser Möglichkeit, zum Wohl der Patienten etwas zu erreichen, entsteht auch eine Verpflichtung: So wie beim Thema Schweigepflicht muss die Ärzteschaft auch bei der ständig zunehmenden Ökonomisierung im Krankenhaus endlich ihren Mund aufmachen.

Wir können nicht mehr schweigen, wenn Patienten Opfer eines völlig fehlgeleiteten Wettbewerbs werden. Immer öfter sehen wir aber, dass die Auswüchse von unzureichender Finanzierung nicht nur zu Sparmaßnahmen beim Personal führen, sondern auch zu Patientengefährdung. Da werden Maßnahmen durchgeführt, die für den Patienten nicht sicher indiziert, für das Krankenhaus aber lukrativ sind. Da werden Pflegebesetzungen so gewählt, dass ein zweiter Notfall während der Nacht kaum noch zu versorgen ist. Da wird das geschulte und qualifizierte Reinigungspersonal ersetzt durch kostengünstigere Anbieter, was oft zu schlechteren Ergebnissen führt.

Solche Beispiele kennt jeder Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Leider haben wir uns seit Jahren daran gewöhnt, schütteln mit dem Kopf und versuchen in unserem eigenen Bereich, alles so gut wie möglich zu machen. Aber wir schweigen. Viel zu selten tun wir das, was wir tun sollten: reden. Nur selten stellen wir uns schützend vor einen Patienten, bei dem eine nicht sicher indizierte Maßnahme durchgeführt werden soll. Zu selten hinterfragen wir ökonomische Vorgaben. Zu selten mischen wir uns in Planungsrunden mit dem Fokus auf das Patientenwohl ein. Zu lange schon haben wir uns daran gewohnt, öfter über Belegungsziele oder cmi-Punkte als über Differentialdiagnosen zu diskutieren.

In der Berufsordnung steht:

„Ärztinnen und Ärzte haben ihren Beruf gewissenhaft auszuüben und dem ihnen bei ihrer Berufsausübung entgegengebrachten Vertrauen zu entsprechen. Sie haben dabei ihr ärztliches Handeln am Wohl der Patientinnen und Patienten auszurichten.“

Bei einem auf Profit getrimmten Gesundheitswesen kommt aber das Wohl des Patienten oft zu kurz.

Es ist unsere Pflicht, unser Schweigen zu brechen. Aus der Verantwortung für unsere Patienten ergibt sich mittlerweile zwangsläufig eine Redepflicht!

Von Dr. Susanne Johna

 

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