Dr. Ursula Stüwe erhält Ehrenplakette der Landesärztekammer Hessen in Gold

Dr. Ursula Stüwe, Chirurgin, erste Präsidentin der hessischen Ärztekammer (2004 – 2008) und Ehrenmitglied im Marburger Bund Hessen ist auf der Delegiertenversammlung im März mit der Ehrenplakette in Gold der Landesärztekammer Hessen ausgezeichnet worden.

In ihrer Dankesrede übte sie auch einige Kritik am deutschen Gesundheitswesen:

„Wenn ich so von außen auf das Gesundheitssystem schaue, so verwundert mich als bekennende Sozialromantikerin so allerlei. Vor allem scheint es gar nicht wirklich um die Kranken zu gehen – sollten die nicht im Zentrum stehen?

Die Diskussionen benutzen  Schlagwörter wie "Wettbewerb", "Budgetierung", "Leistungssteigerung", "DRGs, EBM und GOÄ", aber auch immer wieder "zu viel" und "zu wenig", aktuell "Notfallversorgung". Patienten kommen so gut wie nicht vor.

Da wird Wettbewerb eingefordert – als könnten sich Patienten ihre Krankheit aussuchen! Schon da beginnt der Widerspruch zum Wettbewerb!

Ebenso wie budgetiert – sowohl im stationären wie im ambulanten Bereich. Kann man die Erkrankungshäufigkeit einer Bevölkerung inzwischen budgetieren? Die letzte Grippewelle zeigt uns praxisnah ein anderes Bild! …    

Leistungssteigerung – auch so ein Begriff aus der produzierenden Industrie. Wenn man das Band schneller stellt, kann mehr produziert werden. Sollen also Patienten "am Fließband" standardisiert behandelt werden? Ohne Rücksicht auf die höchst persönlichen Eigenschaften, die uns ja allen inne wohnen? Eine gruselige Aussicht!

Die Abrechnungssysteme DRGs, EBM und GOÄ versteht kein Außenstehender. Wann wird endlich mal veröffentlicht, was uns diese Konstrukte kosten? Das ist Geld, das für die Patientenversorgung nicht mehr zur Verfügung steht! …

"Zuviel" heißt es, wenn man von der angeblichen Überversorgung spricht – zu viele Klinikbetten – haben wir ja gerade gesehen während der Grippe - , und aktuell  wieder Schließungen von Kliniken wegen "schlechter Qualität" – wenn es aber doch schon kein Pflegepersonal gibt? Dann wird die Qualität der Versorgung schlecht – Hinweise zum Zusammenhang zwischen Personalausstattung und Qualität dazu gibt es zuhauf!

Zu viele Ärztinnen und Ärzte in den Städten, zu viele Medikamente, zu viel Diagnostik, zu viele Operationen, zu viel Bürokratie. Noch nie habe ich gelesen, dass es "zu viel" Gesundheitswirtschaft gibt, dass "zu viel" Rendite erwartet wird, oder dass es "zu viele" Investitionen von Seiten der Länder gäbe…

Persönliche Frage: gibt es nicht auch "zu viele" Ökonomen im Gesundheitssystem, die was zu entscheiden haben, nur, weil sie auch schon mal krank waren?

Dem gegenüber steht das "zu wenig" …  

Insbesondere gibt es aber "zu wenig" Zeit bei Gesprächen mit den Kranken, bei Zuwendung, bei Weiterbildung. Leider wird das in der Öffentlichkeit viel "zu wenig" thematisiert.  …

Die aktuelle Diskussion um die  "Notfallversorgung" ist für die Ärzteschaft beschämend.  Einig scheint sich die Ärzteschaft wohl nur darin, dass Notfallversorgung sein muss. Wenn sie dann aber der Bevölkerung so dargeboten wird, dass kaum jemand begreift, wann man wo welche Nummer anzurufen oder hinzugehen hat, dann ist das Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit ziemlich mies. Hier könnte man wirklich einmal den Begriff der "Kundenorientiertheit" anwenden.

In dieser Gemengelage auf dem Weg hin zur Industrialisierung der Patientenversorgung wurde die Ärztekammer, in der alle Ärztinnen und Ärzte vertreten sind,  nicht einbezogen. Und daraus ergibt sich für mich auch der abschließende Wunsch an diese Versammlung:

In wenigen Monaten wird sich die Landesärztekammer Hessen neu aufstellen. Mischen Sie Sich bitte viel mehr ein – laut und vernehmlich und einheitlich! Es wäre herrlich, wenn die LÄKH ALLEN Ärztinnen und Ärzten auch und gerade in der Öffentlichkeit den Rücken stärkt, sich ausschließlich an den Bedürfnissen der Patienten zu orientieren – ohne Rücksicht auf Wünsche der Politik, der Arbeitgeber, der Krankenkassen oder Aktionären. Und lassen Sie Sich bloß nicht auseinander dividieren über unterschiedliche Geldtöpfe – dadurch gewinnt nur die Politik und nicht die Ärzteschaft, und schon gar nicht die Patienten …“

Foto: Dr. Ursula Stüwe (l.) und Dr. Susanne Johna

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