Gießen: Mentoring-Programm bringt Studierende und Ärzte zusammen

An der Uni Gießen haben Medizinstudierende seit letztem Jahr die Möglichkeit an einem einjährigen Mentoring-Programm teilzunehmen. Je nach Interesse können Studierende sich für einen Mentor aus Klinik, Niederlassung oder Forschung bewerben. Wir haben mit einem der Initiatoren, Faady Yahya, gesprochen, wie er auf die Idee gekommen ist und wie das Programm abläuft.

Wie kamen Sie auf die Idee für das Mentoring-Programm?

Über ein Mentoring-Programm habe ich schon längere Zeit nachgedacht. Ich bin jetzt im PJ und hätte mir selbst gewünscht früh einen Mentor zu haben, der mich während des Studiums ein wenig an die Hand nimmt. Die Motivation das Thema auch tatsächlich anzugehen gab mir ein Studienaufenthalt in Zürich. Dort habe ich über eine Freundin von einem Mentoren-Programm an der medizinischen Fakultät erfahren. Sie hatte sich dort beworben und hat im Bereich Hämato-Onkologie einen ärztlichen Mentor bekommen. Dieser hat ihr Orientierung gegeben, war eine Vertrauensperson für sie und sie hat dann auch bei ihm promoviert. Ich habe das Projekt der Fachschaft in Gießen, in der ich auch selbst aktiv bin, vorgestellt und es wurde begeistert aufgenommen.

Wie ging es dann weiter?

Mein Kommilitone Kevin Wörner und ich haben dann angefangen das Programm aktiv aufzubauen. Wir haben auch nach ähnlichen Projekten in Deutschland gesucht und sind in Berlin und München fündig geworden. Wir haben dort nachgefragt, wie die Programme ablaufen und haben dann für uns geschaut, wie lässt sich das Projekt für Gießen am besten realisieren. So ist das Projekt „Medical Career Mentoring“ geboren.

Wir haben uns dann für ein drei Säulen-Modell - Forschung, Klinik und Niederlassung - entschieden. Dies ist bisher in Deutschland einzigartig. Denn in Gießen gibt es viele neue exzellente Forschungseinrichtungen, aber gleichzeitig einen Mangel an Studenten, die sich tatsächlich für experimentelle Forschung interessieren. Ein weiterer wichtiger Punkt ist für uns das Thema Niederlassung, da ich durch meine Arbeit im Vorstand der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) mitbekommen habe, dass Studierende nur wenig Kontakt zu niedergelassenen Ärzten haben und insbesondere in Mittelhessen eine nur schwache Vernetzung von niedergelassenen Ärzten und den Kliniken in punkto Lehre besteht. Ich habe dann meinen Hausarzt gefragt, ob er motiviert wäre an dem Mentoring-Programm mitzuwirken und er hat sich sofort bereiterklärt und auch angeboten Kollegen zu fragen. Auch in der Klinik zeigten sich die Ärzte begeistert. Im Fachbereichsrat wurde unser Projekt durchweg positiv aufgenommen und es wurden uns finanzielle Mittel zur Umsetzung bereitgestellt.

Wie genau soll die Beziehung zwischen Mentor und Mentee aussehen?

Wichtig ist für uns, dass wir einen groben Rahmen vorgeben. Die Beziehungen zwischen Mentor und Mentee sollen aber individuell und persönlich gestaltet werden und auf gemeinsamen Interessen basieren. Der Mentee kann z.B. eingeladen werden mit auf Kongresse zu kommen oder bei einem Auslandsaufenthalt unterstützt werden. Auch kann der Mentor den Mentee auf eine spannende Operation oder eine interessante Fortbildung aufmerksam machen.

Wie sieht dieser Rahmen aus? Und gibt es Beratung und Hilfestellung?

Verpflichtend ist, dass sich Mentor und Mentee alle zwei Monate für ein Gespräch treffen, damit eine gewisse Kontinuität gewährleistet ist. Zudem bieten wir eine Sprechstunde für Mentoren und Mentee an. Außerdem werden wir das Programm halbjährig evaluieren.

Ab welchem Semester ist das Programm für Studierende interessant?

Das Programm ist für Studierende ab dem 5. Semester vorgesehen, welche das 1. Staatsexamen bestanden haben. Denn ab diesem Zeitpunkt tritt man intensiv mit den Fachdisziplinen der Klinik in Kontakt und beginnt sich Gedanken zu machen, wie die zukünftige berufliche Laufbahn aussehen soll. Bei der Wahl der Fachrichtung, einem möglichen Weg in die Forschung oder auch bei der Frage nach der Niederlassung können Mentoren empfehlend zur Seite stehen.

Wie läuft die Bewerbungsphase ab?

Als Student muss man sich vorab auf unserer Seite registrieren und kann sich dann aktiv bewerben. Auch der Mentor bewirbt sich. Beide erhalten einen ähnlichen Fragebogen, damit wir am Ende sehen können, ob Mentor und Mentee zusammen passen. Neben Daten, wie welches Semester und Fachrichtung, stellen wir auch allgemeine Fragen, etwa ‚Was würden Sie machen, wenn Sie ein Jahr zur freien Verfügung hätten?‘. Der Student muss zudem auch ein Motivationsschreiben verfassen. Die Zuteilung wird dann von uns durchgeführt. Wichtig ist, dass Mentor und Mentee gut zueinander passen.

Wie läuft das Kennenlernen zwischen Mentor und Mentee ab?

Wir planen ein Willkommens-Treffen bei dem sich in einer gemütlichen und ungezwungenen Atmosphäre kennen gelernt werden kann. Für die Mentees führen wir einen separaten Workshop durch, welcher die Reflexion der eigenen konkreten Ziele und Erwartungen für das Mentoringjahr thematisiert und Ratschläge und Strategien vermittelt, wie man mit dem Mentor optimal kommuniziert, um bestmöglich vom Mentoring zu profitieren.

Soll der Kontakt auch über die Studienzeit hinaus bestehen?

Das Programm ist für ein Jahr vorgesehen. Wenn man einen Wegbegleiter fürs Leben gefunden hat, ist das natürlich prima. Falls man allerdings merken sollte, dass es nicht funktioniert, kann man auch abbrechen. Für jeden Mentor sind 1 bis 2 Mentee vorgesehen, damit eine intensive Betreuung gewährleistet werden kann.

Wie sind die ersten Rückmeldungen, die Sie bekommen haben?

Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Wir haben Termine mit Chef- und Oberärzten gemacht und die sagten ‚Wunderbar, genau so etwas brauchen wir‘. Wir möchten mit dem Programm auch die Vernetzung zu den Lehrkrankenhäusern verstärken und haben auch eine Kooperation mit den Kerckhoff-Kliniken in Bad Nauheim.

In welche Richtung soll es künftig gehen?

Wir wollen jetzt erst einmal ein kleines Team aufbauen, die Bewerbungen sichten und schauen, wie das erste Jahr läuft, Probleme erkennen und das Programm etablieren. Künftig ist sicherlich ein Ziel das Programm auszuweiten und eine regionale Vernetzung in Mittelhessen zu etablieren. Man muss allerdings bedenken, dass das Mentoren-Projekt eine Herzensangelegenheit von uns ist und wir das alles ehrenamtlich in unserer Freizeit machen.

Zu den Personen:

Faady Yahya (26) hat in Gießen Medizin studiert. Derzeit befindet er sich im Praktischen Jahr. Nebst medizinsicher Forschung interessiert er sich besonders für Global Health und Internationale Politik.

Kevin Wörner (23) studiert in Gießen Medizin und beschäftigt sich in seiner Freizeit gerne ausführlich mit europäischer Geschichte.

Beide schreiben momentan an ihrer Dissertation und engagieren sich ehrenamtlich für die Verbesserung der medizinischen Ausbildung. 


Info: Medical-Career-Mentoring:

Das Mentoring-Programm in Gießen ist für Studierende ab dem 5. Semester und geht ein Jahr. Je nach Interesse kann sich für einen Mentor aus Klinik, Niederlassung oder Forschung beworben werden. Weitere Informationen: www.mcm-giessen.com

Foto: Faady Yahya (26) Kevin Wörner (23) Gründer von Medical-Career-Mentoring. Bildnachweis: MCM
Autor: mn

Zurück